Ein Semester in Belfast: Erfahrungen meines Auslandssemesters

Dieser Artikel enthält gesammelte Texte aus meinem Blog aus der Zeit vom September 2010 bis zum Januar 2011, während der ich ein Austauschsemester an der Queen’s University of Belfast absolvierte. In meinem Blog habe ich für Familie, Freunde und Bekannte meine Eindrücke und Erfahrungen festgehalten.
Zur gleichen Zeit studierte auch noch ein Münchner Kommilitone in Belfast, ein weiterer in Newcastle und ein Freund aus Heidelberg in Durham. Von jenen wird im folgenden auch das ein oder andere Mal die Rede sein.
Die Texte sind hier nicht in ihrer chronologischen Reihenfolge wiedergegeben, sondern thematisch gruppiert. Insofern habe ich einige kleine Änderungen vorgenommen, um logische Sprünge zu vermeiden.


Universität

Angekommen

Am Dienstag (14.09.) flog ich von Frankfurt über Heathrow nach Belfast, wo ich mit über einer Stunde Verspätung dann gegen Abend ankam und gemeinsam mit anderen internationalen Studenten zur Unterkunft gebracht wurde. Sylvester und ich wohnen im Grant House, welches ca. 10 Minuten vom Hauptgebäude der QUB entfernt ist.

Derzeit findet das “International Students Orientation Programme” statt; die eigentlichen Einführungstage beginnen aber erst nächste Woche, so dass im Prinzip nur internationale Studenten auf dem Campus und in den Wohnheimen zu sehen sind. Im Grant House wird das vermutlich auch so bleiben. Schon jetzt sind allerdings viele Nationen vertreten: Polen, Kanada, Spanien, USA u. v. m.

Heute gab es verschiedene Vorträge zu Themen wie “Culture Shock”, “Living in Belfast” (interessant), aber auch “Keeping Healthy” und “Safety” (uninteressant). Es gab gute Gelegenheiten, mit anderen Internationalen ins Gespräch zu kommen, sehr oft auch auf Deutsch, was meist mit dem folgenden Dialog begann: “Where are you from?” – “I’m from Germany. And you?” – “Gut, dann können wir ja auf Deutsch weiterreden.”

Morgen wird dann anhand meiner Kurswahl mein Stundenplan ausgestellt; dann wird es auch einen QUB-Studentenausweis geben. Allgemein ist aber die Einführungszeit für Internationale an einigen Stellen nicht wirklich durchdacht, z. B. gibt es drei verschiedene “Welcome Packs” (mit mehr oder weniger sinnvollem Inhalt).

Für deutsche Verhältnisse sehr ungewöhnlich ist die Mittagsversorgung. Es gibt keine offizielle Mensa mit studentenfreundlichen Preisen, jedoch einige Bistros/Cafés im näheren Umkreis, die es noch nach Preis/Leistung einzuordnen gilt. Für ein durchschnittliches Mittagessen muss man aber schon um die 3 bis 4 £ einplanen.

Soweit ich bisher beurteilen kann, war es die richtige Entscheidung, für ein paar Monate ins Ausland zu gehen. Es gefällt mir recht gut und ich warte gespannt, was mich die nächsten Tage so erwartet. Das einzige, was mich hier wirklich sehr verwirrt, ist der Straßenverkehr. Als ob man in den Spiegel schauen würde.

Nicht in Idaho

Heute war Formalia-Tag, so zumindest fühlte es sich an. Zunächst war da das Treffen mit dem “Departmental coordinator”, also dem Erasmus-Beauftragten der Fakultät, in meinem Falle ein freundlicher Herr von der School of Electronics, Electrical Engineering and Computer Science. Das verlief problemlos; ich kann alle Kurse, die ich ausgesucht hatte, auch belegen.

Der zweite Teil war dann die offizielle Immatrikulation an der QUB. Ich bin jetzt stolzer Besitzer eines QUB-Studentenausweises. Weil der Gesamtvorgang ziemlich kompliziert ist, wird man von einem Mitarbeiter assistiert. Beispiel: Als Erasmus-Student muss bei mir die Heimatuniversität (TU München) angegeben werden. Da nun diese im System offenbar nicht erfasst war, schlug genannter Assistent vor, ich solle einfach “University of Idaho” – seine eigene Heimatuniversität – eintragen. Ist jetzt nicht ganz so in der Nähe von München, aber egal. Mal sehen, was ich mir damit eingebrockt habe. (Wie sich später herausgestellt hat, wurde diese Angabe nicht geprüft und auch für nichts verwendet. Meine Zeugnisse sind jedenfalls in München angekommen.)

Trotzdem habe ich festgestellt, dass die Leute hier sehr freundlich und hilfsbereit sind. Für meinen Bafög-Antrag brauche ich ein spezielles Formular vom Amt, was hier ohne zu murren ausgefüllt wurde, obwohl es nicht zur Standardprozedur gehört.

Queen’s Campus

Das erste der drei Bilder zeigt das “Lanyon Building”, das Hauptgebäude der Queen’s University Belfast, benannt nach dessen Architekten Sir Charles Lanyon, zu sehen. Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert stellt den Mittelpunkt des weitläufigen Campus dar. Laut Übersichtskarte besteht dieser aus über 40 Gebäuden. Darunter befindet sich auch ein Kuriosum: Alle Häuser der Nordseite einer Straße (University Square, ca. 200 m) wurden von der Universität aufgekauft und durchgängig begehbar (d. h. Wanddurchbruch) gemacht. In diesem Hausreihen-Haus sind nicht nur einige Lehrstühle, sondern auch z. B. das Uni-Kino untergebracht.

Weitere Anlagen in Laufweite sind u. a.

Ab dieser Woche wird gelernt

Die letzten beiden Wochen waren ja ganz nett: Dienstag Ankunft, ab da jede Menge Veranstaltungen für die Internationalen. Dann im Wesentlichen faulenzen. Aber damit hier nicht der Eindruck entsteht, ich wäre nur zum Spaß hier, will ich mal auflisten, was mich ab jetzt so erwartet.

Rückblick: Mit dem Erasmus-Koordinator der Fakultät hatte ich mich ja schon getroffen und meine Kurse festgemacht. Diese müssen nämlich schon in Deutschland ausgesucht, von zwei Zuständigen an der sendenden Institution abgenickt, dann hierher mitgebracht, in der Regel auch ohne Änderungen abgenickt (manchmal aber nicht, dann braucht man ein Änderungsformular zum “Learning Agreement”) werden; schließlich muss das Dokument zum hiesigen “International Office” gebracht werden, die 3 Werktage zum Unterzeichnen brauchen und dann wird es per Post wieder auf den Weg nach Hause gebracht. Wenn dann nichts dazwischen kommt, werde ich hoffentlich noch dieses Jahr mein Erasmus-Stipendium (wobei man es eher “Zuschuss” nennen kann, denn viel ist es nicht) erhalten. Nebenbei müsste ja mein nunmehr vollständiger Bafög-Antrag auch schon beim zuständigen Amt angekommen sein, da kann es sich also auch nur noch um Monate handeln.

Doch nun zu meinen Kursen. Ausgesucht habe ich mir:

Insgesamt sind das 13 Stunden pro Woche, davon 2, die ich nicht wahrnehmen kann, weil es Überschneidungen gibt. Das ist natürlich relativ wenig Zeit, daher muss ich mir noch überlegen, was ich in der restlichen Zeit mache.

Freizeit

Mein Stundenplan ist ja zugegebenermaßen nicht sonderlich gefüllt. Daher habe ich eine Arbeit an der Universität angenommen und betreue dabei Erstsemester-Studenten. Zu diesem Zwecke stehe ich zu den Übungszeiten als Tutor für eine kleine Gruppe von sechs Studenten zur Verfügung und werde außerdem die Hausaufgaben korrigieren. Entlohnt werde ich dafür mit 11 £ pro Stunde (ein nettes Sümmchen) bei zwei bis vier Stunden Arbeit pro Woche. Am Ende des Semesters sollen alle die Grundlagen von Java beherrschen. Den Kursunterlagen nach zu urteilen werden in diesem Kurs aber keine hohen Standards angelegt — es handelt sich nur um die imperativen Strukturen von Java, Objektorientierung wird etwa gar nicht abgedeckt. Vermutlich kommt das dann im zweiten Semester.

Ehemaliger Student verklagt Universität

Ein ehemaliger Student der Queen’s University zieht vor den High Court, um eine Revision seiner Note zu erreichen. Seinen Abschluss bekam er mit der Note 2:2 (“Lower Second Class”, etwa “untere zweite Klasse”), aber er behauptet, dass er mit besserer Betreuung eine höhere Notenstufe hätte erzielen können. Einen entsprechende Einspruch hatte er bei der Universität gestellt, die diesen aber ablehnte, weil er seinen Abschluss bereits fertiggestellt hat. Diese Haltung sei nicht mit den Menschenrechten seines Mandanten vereinbar, so der Anwalt zur Begründung der Klage.

Einen länglichen Kommentar dazu erübrige ich mir jetzt. Nur so viel: Wenn das Erfolg hätte, dann kann sich die Uni schon mal auf mehrere Anliegen dieser Art vorbereiten. Na, vielen Dank auch.

Korrigieren

Ich gehöre ja seit Anfang des Semesters auch hier zur arbeitenden Bevölkerung. Diese Woche gab es die ersten benoteten Übungen, auf drei Termine verteilt (offenbar wurden teilweise die gleichen Aufgaben gestellt; wie clever). Meine Studenten hatten recht gute Fortschritte in den ersten drei Wochen gemacht, deswegen war ich auch recht zuversichtlich, was die Leistung anbelangt.

Nun, das Ergebnis war eher durchwachsen. Von 30 möglichen Punkten hatte ich alles zwischen 10 und 21,5. Dabei habe ich offenbar nicht mal sehr hart korrigiert, von anderen Tutoren habe ich etwas von 4 Punkten gehört. Da stellt sich doch glatt bei mir auch das Korrigier-Syndrom ein, wo es einem bei einigen Arbeiten doch Leid tut, da den Punkt abziehen zu müssen. Das gehört aber wohl dazu.

Gröber enttäuscht bin ich aber von der Übungsleitung. Die Musterlösung hat einen offensichtlichen Fehler. Zwei Studenten musste ich deswegen einen Punkt abziehen, habe mich aber zusätzlich erkundigt, ob die Musterlösung korrigiert würde. Stellt sich heraus, dass das nicht gemacht wird, denn die Vorlesungsfolien sind an der Stelle auch falsch und Korrekturbedarf wird da wohl nicht gesehen.


Ausflüge

Wandern in und um Belfast

Vor der Uni war wegen der “Fresher’s Week” (Einführungstage) am Montag den ganzen Tag Party-Stimmung, was sich u. a. darin äußerte, dass im Abstand von 20 (!) Metern zwei verschiedene DJs gleichzeitig verschiedene Musik spielten. Unglücklicherweise hatten wir den Treffpunkt für die Wanderung genau dort gewählt, wo zu allem Überdruss auch noch zig verschiedene Clubs um die Gunst der potentiellen Besucher buhlten. Diese Woche wird es so ziemlich rund gehen, vermutlich.

Nachdem wir uns alle versammelt hatten, ging es mit einmaligem Umsteigen per Bus stadtauswärts zum Belfast Castle. Unsere Gruppe bestand dabei aus 18 Leuten, alle bis auf eine Schwedin französischer oder deutscher Herkunft, weswegen während des Ausflugs teils drei verschiedene Sprachen gleichzeitig zu hören waren. Dabei war die Busfahrt schon eine Aktion für sich, denn die Fahrer legen einen sehr interessanten Fahrstil an den Tag. Sylvester fragte auch extra noch nach, ob der Fahrer uns sagen könne, wenn wir aussteigen sollen (was natürlich nicht der Fall war und wir nur durch Zufall die richtige Haltestelle erwischt haben).

Wie wir dann während des Wegs feststellten, sind die Hausnummern in diesem Viertel im Norden der Stadt sehr wichtig, denn die Häuser haben nicht nur alle eine Backsteinfassade, sondern ähneln sich auch in den anderen Äußerlichkeiten stark.

Kurz bevor wir am Schloss angekommen sind, habe ich doch am Hafen ein Schiff mit mir bekanntem Logo gesehen. Wie sich herausstellte, handelte es sich doch tatsächlich um die Deutschland beim Verlassen des Hafens.

Bei schönem Wetter gestartet, zog es sich langsam zu und wir beschlossen, nicht viel Zeit beim Schloss zu verbringen und stattdessen den Cavehill zu besteigen, von wo aus man einen wunderbaren Ausblick auf Belfast genießen konnte. Letztendlich ist dann ein Teil der Gruppe (darunter ich) ganz bis nach oben gegangen, natürlich nicht den befestigten Weg, sondern die Abkürzung, was sowohl Schuhen als auch dem Träger derselben zu Schaffen machte. Belohnt wurden wir dann aber mit einer wunderschönen Landschaft.

Der Weg abwärts ging dann im wahrsten Sinne des Wortes querfeldein, bis wir zufällig eine Bushaltestelle erreichten und zurück fahren konnten.

Auf nach Bangor

Letztes Wochenende haben wir wieder einmal einen Kurztrip gemacht. Ziel war Bangor, eine Stadt mit Lage in der Bucht von Belfast. Unterwegs waren sieben Leute, und zwar aus Kentucky, Saskatchewan,1 Schweden, Aachen, Heidelberg und München2 sowie meine Wenigkeit.

Der ursprüngliche Plan sah vor, dass wir mit dem Zug hin fahren. Dabei dachte ich doch, dass die Züge hierzulande nicht als zuverlässig gelten. Aber ich ließ mich wie so oft überraschen – was auch gelang, da die Zugstrecke an jenem Sonntag geschlossen war. Da wir ohnehin recht knapp vor der Zeit an der Botanic Station in Belfast waren, schafften wir es nicht, rechtzeitig zum Schienenersatzverkehr zu kommen. Dafür gewannen wir etwas Zeit, um am Lagan entlang zu flanieren.

Zur gegebenen Zeit ging es dann in einen Doppeldeckerbus, der uns innerhalb einer halben Stunde nach Bangor brachte. Die Stadt ist ein Paradies für Segler, was sich nicht nur an der Menge der Schiffe im Yachthafen, sondern auch auf dem Wasser erkennen lässt. Es gibt auch einen Sandstrand, den wir natürlich sogleich aufgesucht haben. Wie kalt das Wasser war, kann ich nicht endgültig sagen, aber laut Wetterkarten müssen es wohl um die 14 °C gewesen sein. Richtig kalt eben.

Ein kleiner Stadtrundgang durfte natürlich auch nicht fehlen. Im Gegensatz zu Belfast haben die Häuser hier keine Einheits-Backsteinfassade, sondern sind farbenfroh aneinandergereiht. Außerdem ist mir aufgefallen, dass einige Vorgärten mit Gewächsen bepflanzt sind, die man eher in südlicheren Gefilden erwarten würde. Nun bin ich ja botanisch nicht sonderlich bewandert, würde aber (in der Hoffnung, mich nicht völlig zu blamieren) auf Yucca tippen.

Ziemlich müde vom vielen Laufen sind wir dann zurückgefahren, wo der am Morgen vorbereitete Pizzateig auf uns wartete.

A Giant’s Cause

Seit einigen Tagen hat Sylvester Besuch von der lieben Familie. Am Wochenende sollte daher etwas unternommen werden, wozu man mich freundlicherweise auch eingeladen hatte.

Nachdem wir also dank Zeitumstellung eine Stunde Schlaf mehr hätten haben können, das aber durch sich nicht selbst-umstellende Wecker grandios verschenkt haben, ging es mit dem Mietwagen zu einer unchristlichen Zeit los, was sich auch an der Anzahl der Menschen im Straßenverkehr gezeigt hat. Aber wir hatten ja auch eine ziemliche Strecke vor uns.

Glücklicherweise hatte die Fahrerin Erfahrung mit dem Linksverkehr, so dass das schonmal kein Problem darstellte. Man muss aber trotzdem ziemlich aufpassen. Ich wäre vermutlich mehrere Male bei Gegenverkehr auf engen Straßen in die falsche Richtung ausgewichen. Na ja, und ich hätte mir vielleicht auch ein Auto mit Automatikgetriebe gemietet, statt “mit links” zu schalten.

Die erste Station war Carrickfergus, wo wir am “Castle” eine kleine Fotopause eingelegt haben. Dieses stammt aus dem zwölften Jahrhundert und steht direkt am hübschen kleinen Hafen. Wer auf dem Bild den Bewohner des Castles findet, bekommt einen Punkt. Hier heißt übrigens wirklich alles “Castle”, selbst wenn nur noch zwei alte Mauern stehen. Jenes in Carrickfergus verdient aber die Bezeichnung.

Wir folgten der Causeway Costal Route, auf der man wirklich denken könnte, man sieht Irland wie im Bilderbuch. Die Straße blieb über weite Teile immer noch leer, was entweder daran gelegen haben konnte, dass es immer noch zu früh am Tage gewesen ist, oder dass die Leute ihre Halloween-Feierlichkeiten vorbereitet haben und deswegen zu Hause geblieben sind.

Den nächsten Stopp haben wir in Ballygally3 gemacht, ein kleines Dorf, natürlich auch mit obligatorischem Castle, welches heute als Hotel genutzt wird. Auf dem Bild kann man mit etwas Fantasie das Profil eines Kopfes sehen (links am Hang). Wer es nicht schafft: Macht nichts, ich habe auch meine Zeit gebraucht. Auf diesen Kopf sind wir auch nur gekommen, weil uns eine Einheimische darauf hingewiesen hat. Das ist auch einer der Gründe, warum es mir hier gefällt: Man kann mit den Leuten hier sehr schnell ins Gespräch kommen, meistens wird man sogar angesprochen.

Der dritte Punkt auf der Liste war die Carrick-a-Rede Rope Bridge in der Nähe von Ballintoy. Mit dieser Brücke wurde die zwanzig Meter breite Kluft zur felsigen Insel Carrick-a-Rede überspannt. Bereits seit zweihundert Jahren wird diese zur Lachsfischerei genutzt. Der Betreiber verlangt zwar 4 £ Eintritt pro Person, aber wenigstens hat man eine wunderbare Aussicht. Man kann zum einen die Insel Rathlin (nördlichster Punkt Nordirlands), aber auch Schottland, was nur weniger als 40 km entfernt ist, mit dem bloßen Auge erkennen. Natürlich nur, wenn einem das Wetter, wie in unserem Falle, gewogen ist. Wobei dann natürlich das richtige “Irland-Feeling” fehlt.

Nach einer weiteren kurzen Fahrstrecke kamen wir dann im Besucherzentrum vom Giant’s Causeway an. Dort wurden wir direkt 6 £ für den Parkplatz los, nicht ohne darauf hingewiesen zu werden, dass die Besichtigung ja kostenfrei sei.

Auch hier hatten wir glückliche Umstände. Das Wetter hielt und die Besucherstürme hielten sich in Grenzen. Einen kurzen Fußweg später befanden wir uns dann direkt an diesem Naturdenkmal – auf einer Länge von mehreren Kilometern befinden sich ca. 38000 Basaltsäulen, die Hälfte davon sechseckig. Ebendiese naturgeschaffene Regelmäßigkeit macht den Reiz dieser Felsformation aus, welche 1986 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt wurde.

Zur Entstehungsgeschichte dieser 60 Millionen Jahre alten Säulen schreibt Wikipedia:

Wissenschaftlich wird die Entstehung des Basaltdammes als natürliches Abkühlungsphänomen heißer Lava erklärt. Formationen senkrechter Basaltsäulen können bei sehr langsamer und gleichmäßiger Abkühlung von Lava entstehen. Die Säulenstruktur bildet sich dabei aus langsam in das Material hineinlaufenden Spannungsrissen. Diese entstehen durch die Abkühlung und Schrumpfung des Materials und breiten sich senkrecht zur Abkühlungsfläche aus.

Natürlich bietet die irische Sagenwelt eine ebenso plausible Alternativerklärung:

Einer irischen Legende nach wurde der Damm vom Riesen Fionn mac Cumhaill gebaut. Man sagt, dass Fionn eines Tages von seinem schottischen Widersacher Benandonner so stark beleidigt wurde, dass er sich dazu entschloss, diesen Damm zu bauen, um Benandonner in einem Duell zu besiegen. Er riss riesige Felsen aus den Klippen der Küste heraus und stemmte sie in das Meer, um einen sicheren Weg nach Schottland zu bauen. Als er mit dem Bau fertig war, forderte er Benandonner zum Kampf heraus. Um seinen Ruf nicht zu verlieren, blieb diesem nichts anderes übrig, als die Herausforderung anzunehmen, und so machte er sich auf den Weg auf die irische Insel. Fionn, den die Arbeiten an dem Damm ermüdet und erschöpft hatten, suchte derweil nach einem Ausweg, wie er sich vor dem Aufeinandertreffen mit dem schottischen Riesen erholen könnte. Er verkleidete sich daraufhin als Baby und wartete mit seiner Frau auf die Ankunft Benandonners. Als dieser erschien, beteuerte Fionns Frau ihm, dass er gerade nicht da sei. Gleichzeitig lud sie ihn auf einen Tee ein und versprach, Fionn werde bald zurückkommen. Als Benandonner beim Warten das angebliche Baby sah, erblasste er bei der Vorstellung, dass bei der Größe des Kindes der Vater gar gigantische Ausmaße haben müsse. Die Furcht packte ihn und er rannte über den Damm zurück nach Schottland und zerstörte ihn dabei hinter sich.

Der Giant’s Causeway ist vermutlich die meistbesuchte Sehenswürdigkeit in Nordirland. Zu Recht, kann ich nur sagen. Wer hierher kommt, sollte sich das auf keinen Fall entgehen lassen. Am Besten suche man sich auch eine Zeit außerhalb der Saison aus: 2008 gab es insgesamt 750000 Besucher, denen man schließlich nur in kleinen Portionen begegnen will.

Auf dem Bild mag es nicht so erscheinen, aber es handelt sich um ein ziemlich großes Areal. So erwartet einen noch das “Amphitheater” und eine spezielle Formation, die wie eine Orgel aussieht. Dabei sind die größten Säulen bis zu zwölf Meter hoch.

Schon leicht müde und ziemlich hungrig wurde dann noch der Tea Room aufgesucht. Ich hatte irrigerweise angenommen, dass dort ordentliche Postkarten in größeren Mengen aufzutreiben sind. Es gab ganze zwei Motive, die annehmbar waren. Das sind schon mal 10 Prozent meiner Liste. (Ich verschicke nur ein Exemplar jeder Karte, damit mir hier keine Beschwerden eingehen.) Die werten Freunde und Familienmitglieder müssen sich also noch etwas gedulden.

Aus einem Besuch in der nahe gelegenen Old Bushmills Distillery wurde dann aber nichts mehr, da wir die letzte Führung verpasst halten. Dementsprechend ging es auf der schnelleren Strecke wieder zurück nach Belfast. Fast rechtzeitig zum großen Halloween-Feuerwerk erschienen, rundete das den erlebnisreichen Tag ab.

Einmal England und zurück

Derzeit hat es ja unter meinen Freunden einige ins Ausland gezogen. Zufälligerweise sind auch neben mir noch drei weitere im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland zu Gast (darunter natürlich auch Sylvester hier in Belfast). So beschloss ich mir ein Wochende Zeit zu nehmen, um Mike (Informatikstudent an der TUM) in Newcastle upon Tyne und Stephan (auch bekannt als Herr H.) in Durham zu besuchen. Wie praktisch, dass die beiden Städte in Nordostengland nah beieinander liegen.

Zu Beginn war meine Lieblingsaufgabe zu erledigen: organisieren. Das involvierte auch eine nicht ganz so angenehme Tätigkeit, nämlich Flüge buchen. Als unfassbar armer Student (der gerade eine Bafög-Nachzahlung erhalten hat) muss man natürlich die günstigsten Tickets finden. Wer das schon einmal versucht hat, weiß, warum ich das nicht gerne tue. Die Flugpreise fluktuieren von einem Tag zum nächsten und man muss sich überhaupt wundern, warum der eine Flug zur ungünstigsten Zeit jetzt 0 £ und alle anderen 40 £ kosten. Das dann alles noch in unglaublicher Geschwindigkeit zusammensuchen, da man befürchten muss, dass sich die Preise in einer Stunde schon wieder ändern werden. Ganz am Ende wird einem dann stolz der Gesamtbetrag präsentiert, auf einmal mit weiteren 10 £ Gebühren für die Bezahlung mit der Kreditkarte – Zahlen kostet schließlich auch.

Allen Widrigkeiten zum Trotz hatte ich es geschafft und zwei Flugtickets in der virtuellen Hand. Belfast nach Newcastle am Freitag, Rückflug am Montag. Parallel mit Mike und Stephan vereinbart, wollte ich am Freitag in Newcastle übernachten und am Samstagnachmittag nach Durham aufbrechen. Einige Tage vor Abflug fiel mir noch auf, dass ich ab Belfast International und nicht City Airport fliegen werde. Gut zu wissen.

Dem Kurztrip stand dann nur noch die ungepackte Tasche im Weg. Zum ersten Mal flog ich nur mit Handgepäck und musste daher alle benötigten Sachen in meinen viel zu kleinen Rucksack zwängen. Einen echten Informatiker kann so ein NP-schweres Rucksackproblem4 aber nicht aus der Fassung bringen, so dass nach fünfmaligem Umpacken schließlich eine annähernd suboptimale Platzausnutzung erreicht war.

Wie immer viel zu früh – mancher würde jetzt sagen, “nach vorne hin unpünktlich” – verließ ich das Wohnheim und ging Richtung Stadtzentrum, um am Europa Buscentre in den Bus zum Flughafen zu steigen; 10 £ kostet das Ticket für beide Richtungen. Angekommen am Flughafen, wollte ich mich erstmal am Check-in-Schalter anstellen, bis mich jemand darauf hinwies, dass ich bereits eine Online-Bordkarte hätte und man dann in Ermangelung der Notwendigkeit eines freundlichen Schalterangestellten auch direkt zur Sicherheitskontrolle schreiten könne. Ab da ging es relativ schnell, der Inlandsflug dauerte gerade mal 40 Minuten. Mein Pass wurde zu meiner Verwunderung auf der gesamten Strecke an jenem Tag nur von der Dame am Gate flüchtig begutachtet.

Dank perfekt vollendeter Planung und nach knapp halbstündiger Fahrt mit der Metro (ähnlich zu U-Bahn) traf ich mich pünktlich mit Mike am Monument im Stadtzentrum. Mit Zwischenstopp in seiner Wohnung, die er sich mit sechs Leuten teilt und unter Missachtung sämtlicher roter Ampeln5 schlenderten wir noch etwas in Newcastle herum. In einer gut von Studenten besuchten Bar bestellte ich im Gegensatz zu Mike ein nicht-alkoholisches Getränk, wurde aber auch im Gegensatz zu Mike nach meinem Ausweis gefragt. Notiz an mich: Bart wachsen lassen.

Interessant ist hier, dass die Röcke der Partygängerinnen offenbar mit fallender Außentemperatur immer kürzer werden. Das gleiche bei den Jungs – ohne Jacke oder Pullover wäre ich da längst erfroren. Newcastle scheint auch Party-Hochburg zu sein, zumindest zogen gegen Mitternacht Massen mehr oder weniger lärmend durch die Straßen. Polizeiaufgebot (mit lustigen Hüten) war auch mit von der Partie.

England zeigte sich wieder von seiner prächtigsten Seite, die es wohl auch am besten beherrscht: Regen in verschiedenen Abstufungen von “Ist doch bloß Niesel” bis “Ach, lass uns ein Café suchen”. Ob meine Jacke während des gesamten Wochenendes überhaupt einmal zum Trocknen gekommen ist, wage ich zu bezweifeln; trotzdem haben wir uns einen Stadtrundgang nicht nehmen lassen.

Eine der Stationen war Gateshead, eine Stadt auf der anderen Seite der Tyne. Verbunden werden die beiden Städte über mehrere Brücken, darunter die Millenium Bridge, welche, wie man im Bild an den Seilen vielleicht erkennen kann, nicht wie gewöhnlich in Richtung der Flussränder hochgeklappt wird, sondern um die Längsachse angehoben wird.

Zu sehen gibt es in Gateshead z. B. das futuristisch aussehende Sage (eine Mehrzweckhalle) und das Baltic Centre for Contemporary Art. In letzterem wird regulär zeitgenössische Kunst ausgestellt; um also nicht ganz als Kulturbanausen da zu stehen, statteten wir dem Baltic einen ausführlicheren Besuch ab. So richtig spricht mich moderne Kunst zwar nicht an, aber immerhin konnte ich im Shop ein paar ordentliche Postkarten ergattern. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt erreichte mich eine sich über das Wetter beschwerende Nachricht von Stephan. Tja, kann ich auch nichts machen. In Belfast war das ganze Wochenende über Sonnenschein.

Wieder zurück in Newcastle, durfte auch ein Rundgang durch das Stadtzentrum inklusive Markt nicht fehlen. Im Gegensatz zum Belfaster Markt handelt es sich um feste Stände, aber dafür fehlt die Live-Musik. Allgemein sollte man mehr aus England und Nordirland miteinander kombinieren. Unsere Schneeschiebe-Polizeivans, gefahren von Polizisten mit deren von Pickelhauben inspirierten Hüten, das wäre doch mal was.

Zu meiner Überraschung hat Newcastle eine eigene Chinatown mit wie üblich pompösem Eingangstor. Groß ist sie allerdings nicht, demzufolge gab es auch nicht viel zu sehen.

Gegen 15 Uhr brachen wir auf in Richtung Bahnhof, da ich noch vor Anbruch der Dunkelheit in Durham ankommen wollte (ist mir auch fast gelungen). So einfach mit Ticket kaufen ist das dann hier aber auch wieder nicht, denn man muss aufpassen, welchen Betreiber man erwischt. Mit dem Universalticket darf man jeden Zug fahren, kostet aber auch 5,20 £ statt 3,10 £. Armer Student entscheidet sich daher für die Arme-Studenten-Variante, nimmt eine halbstündige Wartezeit auf den übernächsten Zug in Kauf und investiert das gesparte Geld in die Samstagsausgabe vom Guardian, deren Zeit im Trockenen ebenso wie die meiner Jacke jetzt endgültig abgelaufen sind.

Nach ungefähr zehnminütiger Zugfahrt, während der ich natürlich nicht zum Lesen des Guardian kam, weil ich nervös auf die Anzeige starrte, um bloß nicht die Haltestelle zu verpassen, kam ich in Durham an. Eine weitere Besonderheit beim Bahn fahren in UK ist, dass man sowohl beim Betreten als auch Verlassen der Bahnsteige mit seiner Karte eine Personenvereinzelungsanlage passieren muss, und natürlich die allgegenwärtigen Überwachungskameras und Sicherheitskräfte.

Das Wetter hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht verbessert und tat es auch an diesem Tag nicht mehr. Zunächst suchten wir aber erstmal Stephans WG auf, um über weitere Vorgehen zu debattieren. Die Wahl fiel dann auf eine Jazz Night im Hatfield College.

Zunächst musste ich mir aber dieses ganze System mit den Colleges erklären lassen. Den Begriff “College” assoziierte ich bisher mit einer Bildungseinrichtung. In Durham gibt es insgesamt 16 dieser Colleges, die im Wesentlichen für die Unterkunft und Verpflegung der Studenten verantwortlich sind und eben auch diverse Veranstaltungen anbieten. Mit der Lehre hat das also nicht das geringste zu tun, die findet ausschließlich in der Universität statt.

Wir kamen also des Abends etwas verspätet im College an und ich stellte voller Entsetzen fest, dass die Band schon zu spielen angefangen hatte. Dabei dachte ich doch, es seien alle unpünktlich, aber das scheint wohl bloß ein irisches Phänomen zu sein. Gespielt hat die Big Band “Kinky Jeff & The Swingers”, am Anfang auch nicht schlecht. Irgendwann fanden sie es dann aber besser, lieber laut zu spielen. Das funktioniert bei Bläsern leider nicht auf Dauer. Äußerst amüsant war dann aber, angeheiterten Studenten bei ihren mehr oder weniger rhythmischen Auslassungen auf der Tanzfläche zuzusehen. Wie gut, dass ich Paartänze bevorzuge, da blamiert man sich bei weitem nicht so schnell.

Das Aufsuchen eines Pubs nach Ende des Konzerts hat dann nicht mehr geklappt, da entweder zu voll (von Studenten belagert) oder zu spät (letzte Runde schon ausgegeben). Machte aber nichts, denn stattdessen haben wir noch einen kleinen Spaziergang durch Durham gemacht.

Am Sonntag hatten wir uns Zeit genommen, die Stadt zu besichtigen, was am Tag vorher wegen Anbruchs der Dunkelheit nicht geklappt hatte.

Am Vormittag begleitete ich Stephan zum Gottesdienst der King’s Church, der in der dortigen Student’s Union stattfand. Es bot sich eine völlig andere Atmosphäre als ich es aus Deutschland kannte. Zunächst einmal wird wesentlich mehr gesungen und auch von einer Band begleitet. Die Gemeindemitglieder werden auch viel mehr in das Geschehen mit einbezogen, in dem sie eingeladen sind, selbst zu Wort zu kommen und über religiöse Erfahrungen zu berichten. Ich hatte auch den Eindruck, dass man viel besser mit anderen ins Gespräch kommt.

Nach einem Mittagessen im Hatfield College haben wir beschlossen, uns die historische Altstadt anzusehen, die im wesentlichen aus der Cathedral und dem Castle auf einer Halbinsel besteht, die vom Fluss Wear gebildet wird. Vom Turm aus bietet sich ein wunderbarer Ausblick6 über die gesamte Stadt, den man sich aber mit über 200 Stufen erst einmal erarbeiten muss. Außerdem hat man den Nieselregen dort oben ganz anders zu spüren bekommen, aber man ist ja in England, nicht wahr? Auf halber Strecke nach unten sahen wir auch den Raum, wo die Glocken geläutet werden, aber wir keinen Zutritt hatten. Stephan war auch ganz schockiert, dass in der Kathedrale immer noch von Hand geläutet wird und man nicht nur einen Knopf drücken muss. Die Kathedrale war übrigens Kulisse für die Dreharbeiten von zwei Harry-Potter-Filmen, was man auch sehr schön im Kreuzgang sehen kann.

Auf der Suche nach einer Aufwärmung gingen wir in ein benachbartes Café, in welchem ich sogleich einmal ausprobieren wollte, ob die Engländer denn die nordirischen Banknoten akzeptieren. Da die Banknoten innerhalb des Vereinigten Königreichs uneinheitlich sind, könnte es zu Problemen kommen, weshalb ich schon zwei Wochen vor Reiseantritt fleißig englisches Geld gesammelt habe. Bei der Bezahlung wurde mein “Spielgeld”, wie es von Stephan (und auch von Mike) tituliert wurde, jedoch problemlos akzeptiert.

Nur wenige Meter von der Kathedrale entfernt befindet sich die normannische Burg Durhams, heute Teil des University College. Tatsächlich wohnen Studenten in der Burg – eine bessere Art der Unterbringung kann man sich doch nicht vorstellen, oder? Dummerweise wurden an diesem Tag keine Führungen gemacht, denn in der großen Halle wurde das Anschalten der städtischen Weihnachtsbeleuchtung gefeiert, deshalb waren weite Teile der Burg selbst für die Studenten gesperrt.

Stephan wollte das natürlich nicht hinnehmen, so klapperten wir dreist einige offene Türen ab, hinter denen aber auch nicht viel zu sehen war (dreist, da Stephan schließlich Hatfielder ist und die beiden ältesten Colleges eine kleine Rivalität pflegen). Kurze Zeit nachdem Stephan erwähnte, dass er einen Robert kennt, der mit uns eine Führung machen könnte, dieser aber übers Wochenende nicht da sei und wir schon wieder das College verließen, kam uns dieser Robert entgegen. So erhielten wir doch noch einen kleinen Einblick in die alten Gemäuer. Sehr eindrucksvoll, kann ich da nur sagen, stehen doch z. B. an vielen Stellen Ausstellungsstücke wie alte Waffen. Auch der Plan der Burg ist einsehbar und offenbart, dass zwischen den verfeindeten Colleges wohl ein unterirdischer Tunnel existieren müsse, den aber weder Stephan noch Robert kannten.

Nach diesem erlebnisreichen, aber viel zu kurzem Ausflug stand dann die etwas umständliche Rückreise an. Beim Heraussuchen der Zugverbindung von Durham nach Newcastle zum Rückflug am Montag offenbarte sich nämlich das Problem, dass ich spätestens 5 Uhr (ja, morgens) am Flughafen sein musste. Um diese unchristliche Zeit fährt, völlig zu Recht natürlich, kein Bus oder Zug. Folglich bin ich am Sonntag wieder zurück nach Newcastle gefahren, um dort zu übernachten und dann ein Taxi zu nehmen. Das Bestellen war nicht ganz so leicht, denn die freundliche Mitarbeiterin in der Taxizentrale sprach nicht gerade leicht verständlich, was vermutlich am lokalen Dialekt (Geordie7) lag. Nach mehrfachem Durchsagen der Hausnummer und Flugzeit wurde mir dann offenbart, dass 4:30 ein Taxi bereit stehen werde. Nun, lässt sich machen, hat dann auch alles geklappt. Im Taxi hatte ich dann den nächsten Kontakt mit einem Geordie, den ich aber recht gut verstanden habe. Der weitere Weg verlief unproblematisch – theoretisch wäre ich sogar noch rechtzeitig zu meiner Vorlesung in Belfast angekommen, welche ich mir aber zwecks Ausgleichs meines Schlafdefizits geschenkt habe.

Sliabh Dónairt

Was macht man zwischen zwei Klausuren? Richtig, sich freuen, dass die erste vorbei ist, und die zweite ignorieren. Da letzteres daheim zwar auch möglich ist, man aber keine Ausrede parat hat, haben Sylvester und ich uns entschlossen, eine Wandertour zu machen. Die Wahl fiel schnell auf den Slieve Donard (irisch: “Sliabh Dónairt”), die höchste Erhebung Nordirlands (850 m) und Teil der Mourne Mountains.

Morgens um 9 Uhr ging es mit dem Bus Richtung Newcastle. (Nordirland hat sein eigenes Newcastle, allerdings wesentlich kleiner als das englische Pendant.) Das erste, was man sieht, wenn man mit dem Bus ankommt, ist der ehemalige Bahnhof, dessen Gebäude mittlerweile eine Lidl-Filiale beherbergt. Das Städtchen gefiel uns auf Anhieb – die Hauptstraße wurde erst kürzlich aufwendig modernisiert. Ein Straßenschild wies den Weg zur Touristeninformation mit wenig hilfreichen “600 yards” aus, wovon natürlich keiner wusste, wie viel das in Metern sein mag.

Der Wanderweg war nur etappenweise befestigt, ansonsten musste man sprichwörtlich über “Stock und Stein”. Da allerdings die Steigung nicht sehr hoch war, ließ sich das auch für mich als wenig trainierte Person meistern. Eine schöne Aussicht gab es natürlich auch zu genießen, unter anderem der Blick ins Tal und zum Meer.

Einen kurzen Zwischenstopp haben wir an der Mourne Wall eingelegt, eine 35 km lange Mauer quer durch den Gebirgszug. Früher wurde sie genutzt, um Vieh vom Trinkwasser-Quellgebiet fernzuhalten. Dort links abbiegen, und weit ist es nicht mehr zum Gipfel. Ab dieser Höhe wurde es deutlich kälter und windiger, weshalb wir nur ein paar Minuten oben verweilten. Der Abstieg gestaltete sich dann wegen der rutschigen Wege als schwierig; dreckige Hose nach Ausrutscher im Schlamm inklusive. Aus unerfindlichen Gründen ist meine Jacke jedoch verschont geblieben.

Insgesamt haben wir ca. fünf Stunden gebraucht, also zwei Stunden mehr, als der Lonely Planet vorgegeben hatte. Nun, wir sind ja auch keine Profi-Wanderer.


  1. Unsere Kanadierin wird oftmals gefragt, wo genau das sei. Offenbar können das viele nicht einmal aussprechen, geschweige denn lokalisieren. 

  2. Auch wo München (bzw. “Bavaria”) sei wird oft nachgefragt. Man braucht aber bloß “Oktoberfest” zu sagen, schon wissen alle Bescheid. 

  3. Der englische Name selbst ergibt keinen Sinn, es ist eine Art Übersetzung aus dem Irischen “Baile Geithligh”, was “Townland von Geithleach” bedeutet. So ergeht es vielen Ortsnamen hier. 

  4. Da kann man mal sehen, wie viel Realität in der Informatik steckt! 

  5. Das Einfach-Losgehen ist üblich hier. Manchmal frage ich mich, warum die Fußgänger bei grünen Ampeln nicht demonstrativ stehenbleiben, so als Akt zivilen Ungehorsams. 

  6. Im Bild nicht zu sehen: das örtliche Gefängnis. 

  7. Mike hat gar ein kleines Geordie-Wörterbuch, auf dessen Rückseite ein Gedicht über London geschrieben steht, wobei sich die Bedeutung aber bestenfalls erraten lässt. Da bin ich aber froh, dass Ulster English besser verständlich ist. 


Kultur

Irische Tänze

Um ehrlich zu sein: Ich wusste nicht genau, worauf ich mich einlasse. Auf unserem tollen Zettel stand etwas von “Céilí and Irish Stew Buffet”. Natürlich habe ich mich nicht informiert, was Céilí bedeutet.

Nun, zunächst gab es Irish Stew, ein irisches “Nationalgericht”, wo dankbarerweise viele Kartoffeln enthalten waren1 und Vollkornbrot dazu gereicht wurde. Ja, mit diesem Gericht kann ich mich anfreunden.

Später begann dann der interessante Teil: besagtes Céilí, der Sammelbegriff für eine Reihe von traditionellen Gesellschaftstänzen. Jeder Tanz wurde von Freiwilligen demonstriert (mal sollten es Deutsche sein, dann mal Franzosen, so kam jede Nationalität mal dran) und anschließend von (schätzungsweise) 200 Studenten nachgetanzt. Dazu spielte eine Band bestehend aus Akkordeon, Fiddle (Fidel bzw. Violine) und Schlagzeug irische Weisen. Von der Art her keine klassischen Paartänze, sondern oft mit Gruppenfiguren. Beispielsweise “The Waves of Tory”,2 wo sich zwei Reihen gegenüberstehen (Männlein und Weiblein) und die jeweiligen Paare abwechselnd ein Tor bilden oder durch das Tor gehen. Die Gesamtbewegung sieht dann aus wie eine Welle – ein netter Anblick (und auch nett mitzumachen).

Insgesamt ging die Tanzerei über zwei Stunden und die Schweißperlen waren allen anzusehen. Vielleicht mache ich ja doch einen Tanzkurs. Das Interesse daran wurde bei mir heute jedenfalls wieder geweckt.

Kanadische Köstlichkeiten

Als es letztes Wochenende hier im Wohnheim hieß, es würde ein kanadisches Frühstück geben, musste man natürlich nicht lange auf mich einreden. Also gleich morgens frische Bananen und Heidelbeeren gekauft und ran an die Eierkuchen. Die Spezialität ist, das Obst in kleinen Stückchen direkt mit in den Teig zu geben. Von letzterem hatten wir auch genug, denn es hatten sich ca. zwölf Leute angekündigt. Wie man auf dem Bild sehen kann, wurde daher mit drei Pfannen im Akkord gebraten, wobei die Dicke schon sehr nahe an die der allseits beliebten Zorn’schen Pfannenprodukte heran reichten. Die obligatorische Sauerei war natürlich auch mehr als genug vorhanden.

Nicht zu sehen, aber trotzdem mit von der Partie waren reichlich Ahornsirup und 36 Würstchen, von denen ich nicht genau weiß, warum die überhaupt so heißen. Ich meine, selbst dieser Würstchen-Verschnitt aus Nürnberg ist besser als das. Offenbar kennt es hier aber niemand besser. Genau so wenig wie Brot, aber ein Besuch im polnischen Supermarkt, von dem ich vage gehört habe, dass es da ordentliches “dunkles” Brot gäbe, ist fest eingeplant.

Slow, slow, quick, quick

Einen Tanzkurs für irische Tänze gibt es bei “Queen’s Sports” nicht im Angebot, dafür aber “Jive & Swing”. Dieser läuft für zehn Wochen und wir werden am Ende hoffentlich alle zu Musik der 30er- bis 50er-Jahre einen Jive, Swing oder beides aufs Parkett legen können. Angelegt ist das als Anfängerkurs, also ohne jegliche Voraussetzung. Spaß macht es sehr, und wie bei solcherlei Kursen üblich, ist die Damenquote eine völlig andere als in meinem Studiengang.

Bananenbrot und Kürbisse

Jedes Wochenende findet in Belfast der “St George’s Market” statt. Das wollten wir uns natürlich auch nicht entgehen lassen und sind deswegen zum heutigen “Saturday City Food and Garden Market” gegangen.

Dort gibt es so ziemlich alles, was das Herz begehrt. Zunächst einmal eine reichhaltige Auswahl von Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch, dann eine erfreuliche Anzahl von Ständen, die schokoladige Köstlichkeiten feilbieten (Kekse! Bitterschokolade!). Auch ein obligatorischer Teestand wurde direkt aufgesucht, Verkostung natürlich inklusive.

Außerdem waren wir auf der Suche nach Brot. Von den drei Bäckereiständen gab es aber nur einen, der etwas anzubieten hatte, was zumindest Brot ähnlich aussieht. Stattdessen gab es größere Mengen von Laiben aus Apfel-Zimt-alles-was-rumlag-Mischung, die ich nach dem Probierstückchen auch mied. Mir völlig unbekannt war auch sogenanntes “Bananenbrot”, was ich aber eher als Kuchen in Brotform bezeichnen würde.

Da morgen ja Halloween ist und das hier offenbar gefeiert wird, dürfen natürlich auch die Kürbisse nicht fehlen. Auch dies ist ein Feld, auf dem ich völlig unbewandert bin. Genau wie der Verkäufer; der wusste nämlich auch nicht, welche Sorten er überhaupt im Angebot hat. Ich wurde aber aufgeklärt, dass es sich wohl um Hokkaidokürbisse gehandelt haben muss. Nun, wieder etwas gelernt.

Im Markt gibt es natürlich noch wesentlich mehr. So gibt es auch mehrere Stände mit Gemälden und diesen alten Metallschildern mit verschiedenen Abbildungen der Titanic. Alles in allem ein sehr angenehmer Vormittag, auch wegen der Live-Musik, die inmitten des Trubels gespielt wurde.

There’s no such thing as a small part

Wer mich kennt, weiß, dass ich eher altersuntypisch auf klassische Musik stehe. Wie gut also, dass just im Oktober das 48. Belfast Festival stattfand, Irlands größtes Kunstfestspiel, und daher auch einige sehr gute Vorstellungen zu erwarten waren.

Zu zweit (Sylvester und ich) haben wir uns für ein Konzert des Ulster Orchestra entschieden. Mit 27,50 £ pro Ticket nicht gerade erschwinglich, aber Kultur hat eben seinen Preis. Auf dem Programm standen Richard Strauss’ Don Juan und Gustav Mahlers 5. Sinfonie, dirigiert vom polnischen Antoni Wit. Wir waren beim Kartenkauf recht früh dran; bei so einem Ereignis rechnet man schließlich mit einer großen Nachfrage.

Stellte sich heraus: Der Saal war nicht einmal ansatzweise gefüllt. Vielleicht 10 Prozent, höchstens. Die Konzertkritik im Belfast Telegraph macht die Wahl der Stücke dafür verantwortlich; aber man will ja nicht immer nur den “Mainstream” hören, zumal auch dieses Jahr Mahlers 150. Geburtstag gefeiert wird.

Das Konzert war trotzdem ein wirklicher Genuss. Vorher hatte ich nur schon “Don Juan” gekannt und ließ mich deshalb von der Sinfonie überraschen. Das ist auch gelungen, denn letztere kann mit minütlich wechselnden Motiven und Themen aufwarten. Bonuspunkte gab es für die männliche Besetzung einer Harfe, was in etwa so häufig ist wie Tubistinnen. Alles in allem ein gelungener Abend und auch ein gut investierter Eintrittspreis.

Ein kleiner Kritikpunkt bleibt aber: Der Souvenierladen in der Waterfront Hall hatte keine ordentlichen Postkarten.

Irish Reggae

In Belfast gibt es ja, aufgrund der unmittelbaren Lage auf (bzw. in) Irland, eine ganze Menge Irish Pubs. Aktueller Favorit hier im Wohnheim ist das Maddens im Stadtzentrum, mit allabendlicher Live-Musik. Dort haben wir auch von jemandem einen Tipp zu einem Irish-Reggae-Konzert am Freitag in West-Belfast bekommen.

Na, da bin ich doch dabei. Reggae ist zwar jetzt nicht so meine Musikrichtung, aber ich war zumindest neugierig, was sich hinter dieser Kombination verbirgt. Losgehen sollte es um 21 Uhr, da aber hier niemand auch nur ansatzweise pünktlich ist, riefen wir auch erst um 21 Uhr ein Taxi, denn bis auf eine Adresse hatten wir keine Ahnung, wo wir hin wollten. Eines der beiden Taxis hatte auch den Weg gar nicht erst gefunden und ließ dann die Mitfahrer einfach irgendwo heraus. Ich hingegen hatte immer geglaubt, die Kernkompetenz von Taxifahrern sei, jede Straße in der Umgebung zu kennen.

Angekommen an unserem Ziel, waren wir goldrichtig, was die Zeit betraf. Von einem Beginn des Konzerts war nämlich noch nichts zu sehen bzw. zu hören, allerdings war es schon gut gefüllt. Kurz darauf traten zwei junge Damen auf die Bühne, um einige Ansagen zu machen. In irischer Sprache. Verstanden hat von uns keiner etwas, das sollte auch den ganzen Abend so bleiben. Die ausliegenden Heftchen waren glücklicherweise zweisprachig. Gelandet waren wir nämlich im Vereinshaus von “Glór na Móna”, einem Verein zur Förderung der irischen Sprache und Gemeinschaft. Letzte Woche fand u. A. dort das “Irish Language with Pride Festival” statt.

Die Musik war gut, die Kombination bestand aus Reggaemusik mit irischen Texten, gespielt von der Band “Bréag”. Gegründet 1993, um Geld für Schulen der irischen Sprache zu sammeln, sind sie mittlerweile auch über Irlands Grenzen hinweg bekannt. Leadsänger Caoimhín (gesprochen wie “Kiwin”, wenn ich mich recht entsinne) war auch derjenige, der uns im Maddens den Tipp gegeben hat. Bis auf ein Stück, welches einen englischen Refrain hatte, wussten wir zwar nicht, wovon sie reden, aber nichtsdestotrotz hat sich der Abend wirklich gelohnt.

Weihnachtsstimmung

Dem Gelächter vereinzelter Passanten nach zu urteilen, muss es wohl ein sehr lustiger Anblick gewesen sein, wie wir einen Weihnachtsbaum vom ca. 2,5 km entfernten Weihnachtsmarkt nur durch Muskelkraft zum Grant House transportiert haben. Die Anstrengung hat sich aber durchaus gelohnt, denn nach obligatorischer Dekoration (unter massivem Verzehr von Glühwein) sieht es im Gemeinschaftsraum nun richtig heimelig aus. Offenbar war ich auch der einzige, der sich nach dem Kauf gefragt hat, um welche Art es sich bei dem Baum wohl handelt. Nachfrage bei der Biologiestudentin ergab ein wenig befriedigendes “It’s a christmas tree”. Erstaunlicherweise hat es eine ganze Weile gedauert, bis die neue Raumdekoration jedem aufgefallen ist.

Meine Eltern haben sich dank meiner Schilderungen erbarmt und mir in einem Paket Backmischung für ordentliches Brot zukommen lassen. Eine passende Form hatte ich zwar nicht, weshalb das Resultat etwas flach geraten ist, trotzdem war schon am Tag nach dem Backen nichts mehr übrig. Wie gut, dass ich noch eine zweite Packung habe.

Bezüglich der Brotsituation in UK entwickelte sich auch kürzlich eine Diskussion, die ungefähr so ablief:

Person 1: Ich habe heute auf einem Markt ein lecker aussehendes “Wholegrain Brot” gefunden.

Person 2: In England? Okay, das ist wirklich eine Besonderheit.

Person 1: Ja. Ich war überrascht.

Person 2: Das hat bestimmt jemand da vergessen.


  1. Ich finde es super, dass die Iren Kartoffeln so mögen wie wir. 

  2. “Die Wellen von Tory”, eine Insel vor Nordirland 


Wohnheim

Die Iren kommen

Wie prognostiziert ist keine größere Anzahl Nordiren (bzw. Briten) in das Grant House eingezogen. Im Elms Village (vergleichbar mit der Studentenstadt in München) hingegen war am Wochenende große Anreisewelle, inkl. Versicherungsvertretern, bei denen man gleich die allergünstigste Hausratversicherung abschließen kann. Die beiden Iren hier im Haus reden übrigens gar kaum Slang, nur etwas schnell, denn Martin spricht seinen Namen so schnell, dass man ihn für “Mark” halten könnte. Ich bin überrascht, wie schnell man sich trotzdem an das tägliche Englisch gewöhnt.

Etwas ungewohnt ist es hingegen, mit den zahlreichen Deutschen hier zu kommunizieren. Man ist ganz hin- und hergerissen, wenn nur Deutsche anwesend sind, ob man einfach weiter Englisch spricht oder, weil man einander ja versteht, wieder ins Deutsche wechselt.

Für den Fall, dass wir es mit richtigem Slang zu tun bekommen, gab es letzte Woche auch ein Quiz über irische Begriffe. So kann man, wenn man die Bedürfnisanstalt sucht, nach dem “bog” fragen. Oder jemanden “mucker” nennen – wir hielten das für eine Beleidigung, aber tatsächlich bedeutet es etwa “Kumpel”. “Dead on” hat auch nichts mit “dead” zu tun, sondern heißt so viel wie “sehr gut”, “perfekt”. Wie man hier hingegen “How are you?” korrekt ausspricht, kann ich leider schriftlich nicht reproduzieren, dazu klingt es einfach zu seltsam.1

Im Web finden sich außerdem zahlreiche Seiten mit irischen Begriffen. Ganz brauchbar (weil umfassend) erscheint mir slang.ie. Eher auf das Fluchen konzentriert sich hingegen irishslang.net (wie das Motto “Learn to swear like the feckin’ oirish!” schon sagt).

Besagter Martin war übrigens besorgt, dass sich mein Englisch durch seinen/diesen Einfluss noch verschlechtern könne.

Das Grant House

Das Grant House ist ein Altbau, nur wenige Minuten vom Lanyon Building entfernt. Es gibt drei Etagen, auf denen jeweils 16 Studenten (oder 17? So genau weiß ich es nicht) wohnen und sich dementsprechend auch die Küchen teilen. Da es größtenteils Internationale sind, ist das recht praktisch, denn so kann man der Reihe nach mal internationale Küche genießen.

So geschehen letzte Woche, wo wir deutsch und indisch gekocht haben. An einem Abend gab es Kässpätzle, die in Ermangelung einer Spätzlehobel mit dem Messer vom Brettchen geschabt werden mussten. Die ganze Aktion hat dann auch bloß drei Stunden gedauert, weil zehn (gegen Ende der Kocherei dann doch sehr hungrige) Leute zu sättigen waren. Als Dessert wurden von einem Franzosen fachmännisch Crêpes zubereitet, was den positiven Nebeneffekt hatte, dass ich jetzt endlich auch das Wenden durch Werfen beherrsche.

Am Samstag hingegen wurde indisches Ei-Curry zubereitet. Die Zutaten stammten überwiegend aus einem asiatischen Supermarkt (beim Einkaufen war ich aber leider nicht dabei), so dass ich auch nicht genau weiß, was alles drin war. Ganze gekochte Eier auf jeden Fall. Und einige sehr scharfe Chili-Schoten. Nun, die Milch stand bereit.

Auch in der Nähe ist die große Studentenwohnsiedlung “Elms Village”, deren Rezeption sich um alle Dinge betreffs der Wohnung kümmert. Die kurze Entfernung ist sogar sehr gut, denn: Wir nutzen hier keine Schlüssel, sondern schließen die Türen mit Keycards auf. Aus irgendwelchen Gründen lassen die sich besonders gut vergessen, oder man sperrt sich aus etc.; jedenfalls muss man dann zur Elms-Rezeption, um sich eine neue geben zu lassen. Ist glücklicherweise sehr günstig, man bezahlt gerade mal 50 Pence. Das weitaus größere Problem ist, wenn einem die fehlende Karte nach dem Duschen auffällt. Soll wohl alles schon passiert sein.

Letztens gab es auch die obligatorische Einweisung durch unseren sogenannten Residential Assistant (eine stimmige Übersetzung fällt mir nicht ein, eher etwa: “Wohnheimsbetreuung”). Jene Studentin wohnt auch im Grant House und ist vermutlich jünger als wir alle. Dieses Wohnheim ist übrigens eine “Nicht-Alkohol-Unterkunft”, was – für die meisten Leser keine Überraschung – keinerlei Einschränkung für mich darstellt. Irgendwann wird es dann mal noch eine Feuerübung geben, wo alle innerhalb von drei Minuten das Gebäude verlassen haben müssen. Letzes Jahr, so unsere Betreuerin, habe das nicht auf Anhieb geklappt. Die Übung sei sechsmal wiederholt worden.

Achtung, hier hat jemand mitgedacht

Na, wer findet den Fehler? So sehen hier alle Waschbecken aus, auch das in meinem Zimmer. In der Küche mag das ja noch gehen, aber sich im Zimmer zwischen kaltem und heißem Wasser entscheiden zu müssen, erscheint mir nicht gerade sinnvoll.

Was man sich bei diesem Wohnheim gedacht hat, fragt man sich auch bei der Tatsache, dass die Türen mit Keycards geöffnet werden, aber im Bad die Beleuchtung mittels Strick an- und ausknipst wird.

Dabei hatte es doch so gut angefangen

Die Überschrift sagt es: Seit heute morgen regnet es schon. In den letzten Tagen war es dagegen sehr freundlich, beim Stadtrundgang sogar wolkenlos. Dann will ich mal jetzt die Zeit nutzen, um noch über ein paar kleine Dinge zu schreiben.

Dieses Brot. Alles, was man hier bekommt, fühlt sich wie Toastbrot an und sollte wahrscheinlich auch getoastet werden. Was hier als “wholemeal” (Vollkorn) bezeichnet wird, würden wir vermutlich unter Weißbrot einordnen. Man sagte mir, es gäbe Lidl-Filialen in Belfast, aber die sind alle nicht in Laufweite. Und für Brot mit dem Bus zu fahren ist mir zu doof.

Heute sollte es eigentlich Ulster Fry in der Student’s Union geben, aber da der Gaskocher nicht funktionierte, mussten wir kurzerhand woanders hingehen. Das irische Frühstück wollte ich mir nicht entgehen lassen, daher gab es Sausage rolls.2

Bevor ich nach Belfast geflogen bin, erreichte mich eine E-Mail, die unter anderem folgendes enthielt:

Heute stand in der TLZ, daß in Belfast eine Rohrbombe gefunden wurde. Na, Du bist ja noch nicht dort.

Bisher konnte ich aber noch keine unsicheren Stellen in der Stadt ausfindig machen. Hier im Universitätsviertel braucht man nichts zu befürchten, zu mal sehr viel mit Security (fast jeder kleine Laden hat einen “Aufpasser”) und Überwachung gearbeitet wird. Die Briten haben da ohnehin eine seltsame Einstellung: an jeder Ecke, auch an Straßen, sind Kameras. Schön ist das nicht.

Bei der Anmeldung zur Unterkunft konnte man gleich ein “Kitchen Pack”, bestehend u. A. aus Besteck und Geschirr, bestellen. Worüber natürlich keiner nachgedacht hat ist, dass von den über 10 Leuten hier im Flur, die sich eine Küche teilen, jeder exakt das gleiche Zeug erhalten hat und wir jetzt 10 kleine Töpfe, aber keine Pfanne haben.

In jenem Küchenset war auch ein Tuch zum Abtrocknen dabei. Dummerweise hat das eine Saugkraft von 0, so dass Sylvester und ich uns aufmachten, bessere zu besorgen. (Läden haben hierzulande auch sonntags geöffnet.) In einem der aufgesuchten Geschäfte gab es auch nichts besseres, dafür aber Musik, die ich schon seit zehn Jahren nicht mehr gehört habe: Modern Talking. Ich meine, das ist in Deutschland schon nicht mal mehr gesellschaftlich akzeptiert.

Wir wurden dann übrigens woanders fündig. In einem Laden, wo zwar dezente Musik gespielt wurde, es aber nach 35871 verschiedenen Parfüms roch. Ich hasse es, einzukaufen.

Change Button

Ein mysteriöses Schild mit der folgenden wundervollen Aufschrift prangt über dem Herd in unserer Wohnheimsküche:

Fan Timeclock to

operate self

cancelling override

press change button

Kann mir mal jemand erklären, was das heißen soll?

Gschichten ausm Wohnheim

Bei uns in der Küche geht ständig etwas kaputt; neulich einer der Herde.3 Jetzt sollte der auch getauscht werden, dummerweise war es dieses Mal nicht das Kombigerät (links auf dem Bild) sondern nur die Herdplatten (rechts). Nicht wissend, was er dann mit dem falschen Austauschgerät machen soll, ließ der Monteur ihn einfach in der Mitte des Raums stehen. Von dort wurde es mittlerweile in eine Ecke gerückt und steht schon seit einigen Tagen herum.

Eine Etage tiefer hingegen hat sich folgendes zugetragen: Ein Bewohner, wieder einmal von Stromausfall geplagt,4 hat seinen Arbeitsplatz inklusive Laptop in den Gemeinschaftsraum verlegt. Als er für längere Zeit abwesend war, hat er sein Gerät per Schloss am Tisch befestigt. Die Schlüssel lagen dummerweise in Frankreich.

Fire Drill

Wie angekündigt gab es heute eine Feuerübung. Innerhalb von drei Minuten sollte das Gebäude geräumt sein. Habe also schön meinen Laptop in den Standby-Modus versetzt, Jacke angezogen (es wird langsam ungemütlich draußen) und bin zum Notausgang raus gegangen. Dort stand dann auch unsere Residential Assistent mit einer Liste, auf der man sich gleich eintragen musste.

Auf die Beendigung der Zimmerkontrolle wartend, kam nur wenige Minuten später die unschöne Nachricht: Da hat doch jemand den Feueralarm (unerlaubt) abgestellt. Außerdem haben ganze 4 (in Worten: vier) Bewohner es nicht für nötig gehalten, bei dieser Übung mitzumachen. Natürlich muss deswegen die Übung wiederholt werden.

Dann wollen wir mal hoffen, dass ich bei der nächsten Übung nicht unvorteilhaft unter der Dusche stehe, oder so. Und dass im Ernstfall nicht sowas passiert.

Besagter Student, der beim Abstellen des Feuermelders erwischt worden ist, wurde zu einer Anhörung bestellt. Die Höchststrafe dafür sind 500 £, nach der Anhörung wurde aber seine Strafe auf 100 £ festgesetzt. Von einem Teil der Ersparnis wurde uns ein leckeres Mahl zubereitet. Auch gut.

Intelligente Planung

Hintergrundwissen: Wir verwenden im Wohnheim keine Schlüssel, sondern ein technisch bis ins kleinste Detail ausgeklügelte Schlüsselkartensystem, was es einem nicht einmal erlaubt, in ein anderes als sein eigenes Stockwerk zu gelangen. Unschön, denn die meisten Leute, die ich kenne, wohnen eine Etage tiefer. Aber – Not macht ja bekanntlich erfinderisch – man kann ja auch Papier in den richtigen Schlitz stecken, so dass der Riegel einfach nicht zuschnappt. Bitte nicht weitersagen, es hat nämlich noch keiner mitbekommen.

Nun denn. Folgende E-Mail erreichte mich kürzlich von der Wohnheimsverwaltung:

To all residents of Elms Village,

We are currently running out of our printed room key cards. If you have any old key cards in your room we would greatly appreciate it if you could return them to Elms Reception.

Many thanks

Reception Staff

Freie Übersetzung: Zu viele Leute haben sich ausgesperrt und sich an der Rezeption eine neue Schlüsselkarte geholt. Von diesen Leuten haben aber entweder a) zu viele ihre Karte verloren oder b) keinen Anlass gesehen, die alte Karte wieder zurückzubringen. Daher gibt es gerade eine Kartenknappheit für alle zukünftigen Sich-Aussperrer. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, die richtige Karte zurückzubringen. Neulich passiert: Jemand hat sich eine neue Karte geben lassen und dann die neue zurückgebracht. Zu dumm, dass die alte Karte deaktiviert wird.

Wahrscheinlich ist der Kartenmangel also Resultat fehlenden Leidensdruckes5 – kostet ein Austausch doch gerade mal 50 Pence und erst ab dem zehnten Fall 20 £.

Ausgesperrt habe ich mich übrigens auch schon einmal. Es lief aber noch relativ glimpflich ab, denn ich musste nicht mit Bademantel zur Rezeption laufen.


  1. Zumindest so ähnlich wie “Hi-arr-ye”. 

  2. In Deutschland würde man vielleicht “Gehacktes im Schlafrock” sagen. 

  3. Nein, nicht die Ansammlung von Tieren, sondern der Plural von “Herd”. 

  4. Der Strom in einzelnen Zimmern fällt häufig aus. Entweder wurden die Steckdosen zu sehr belastet oder die Sicherungen sind einfach zu alt. 

  5. Ob das korrekt dekliniert ist? 


Verschiedenes

Wir werden kopiert, schamlos

Schon als wir vom Flughafen abgeholt wurden, fiel mir das auf. Da fuhren doch Autos herum, die so aussahen wie Opel (bis auf das Problem, dass das Lenkrad auf der falschen Seite ist), aber so ein seltsames Logo haben. Sylvester wusste Bescheid: Es handelt sich um Vauxhall, eine ehemals eigenständige Motorenfabrik, die erst von GM übernommen wurde und später (seit den 70ern) die Automodelle von Opel baut. Wikipedia schreibt dazu:

Fahrzeuge mit dem Namen Vauxhall werden inzwischen nur noch in Großbritannien und Nordirland vertrieben, während sie dort als Opel seit Ende der 70er Jahre nicht mehr angeboten werden.

Kurioserweise wurde offenbar auch das Logo so angepasst, dass Form und verwendete Schrift wie beim Opel-Logo sind, weswegen mir das auch so bekannt vorkam.

Irische Post

So richtig klappt es nicht. Aus der Heimat erwarte ich ein Paket, was aber schon seit mehreren Tagen unterwegs ist. DHL sagt, es lagere bei “An Post”, dem Postunternehmen der Republik Irland. Und tatsächlich, in deren Nachverfolgungssystem finde ich einen Hinweis auf mein Paket. Folglich habe ich direkt eine E-Mail an die Damen und Herren geschickt, um folgende Eingangsbestätigung zu bekommen:

Thank you for your email. We will reply to your enquiry as soon as possible. We strive to answer all emails within two working days.

Regards, Customer Services.

Go raibh maith agat as do ríomphost. Tabharfaimid freagra ar do fhiosrúchan chomh luath agus is féidir. Déanaimid ár ndícheall freagra a sholáthar do gach ríomhphost taobh istigh de dhá lá oibre.

Le dea-mhéin, Seirbhísí do Chustaiméirí

Der untere Teil dürfte in irischer Sprache (eine der drei Varianten des Gälischen) verfasst sein.

Das Paket ist später übrigens wohlbehalten angekommen. Wie aber DHL in ihrem Online-System auf “Die Sendung konnte nicht zugestellt werden” kommt, bleibt aber rätselhaft.

Wintereinbruch

Eigentlich ist “Wintereinbruch” übertrieben. So viel Schnee wie bei Herrn H. in Durham liegt bei uns nicht, aber immerhin kann man erahnen, dass wir uns dem Dezember nähern.

Dummerweise fällt die Temperatur stellenweise unter 0 °C, denn vom Räumen der Bürgersteige hält hier keiner was. Am einfachsten ist es, auf der Straße zu laufen. Da das aber nicht immer geht, hat es mich auch schon einmal rutschenderweise erwischt (ist aber alles noch dran). Einige Damen lassen es sich aber trotz der Glätte nicht nehmen, in High Heels zu stolzieren.

Am 20. November hat denn auch der Weihnachtsmarkt in Belfast begonnen, bzw. “Christmas Continental Market”, wie er hier genannt wird. Die Marktfläche ist relativ klein und man braucht höchstens eine Stunde, um sich alles anzusehen. Auffällig ist, dass zwar keine einzige deutsche Flagge zu sehen ist, sehr wohl aber viele weiß-blau karierte. Glücklicherweise versteht nur eine Minderheit der Besucher den Text der an solchen Ständen gespielten Schlagermusik.

Die obligatorischen Weihnachtsplätzchen durften natürlich auch nicht fehlen. So versammelten wir uns zum gemeinsamen Backen von Vanillekipferln und noch einer anderen Kreation, genannt “Fifty-fifties”. Geraspelte Schokolade war im Supermarkt nicht aufzutreiben, so dass diese undankbare Aufgabe mir zukam. In Anbetracht der Ergebnisse hat es sich aber gelohnt, und hoffen wir mal, dass für mich als Entschädigung noch genügend übrig bleiben.

Das eigentlich beste am gestrigen Abend war aber, dass teilweise wieder drei Sprachen durcheinander gingen. Das Küchen-Fachvokabular ist bei uns vier Deutschen eben doch nicht so gut ausgeprägt. Da unser Inder ein paar Brocken unserer Sprache kann, wurden unsere lebhaften Debatten, ob und wie nun die Butter schaumig zu schlagen sei, ab und zu von zusammenhanglosen Einwürfen wie “Nein”, “Doch” oder “Ach” unterbrochen. Am Ende war dann die schwierigste Aufgabe, Inder und Kanadierin beizubringen, den Begriff “Vanillekipferln” freihändig auszusprechen. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellte.


Bürokratie

Erster Akt

17.09.
Bekomme vom Erasmus-Beauftragten für den Studiengang Informatik eine Arbeitsstelle angeboten. Zwei bis vier Stunden die Woche Studenten betreuen und Arbeiten korrigieren.
21.09.
Gespräch mit dem Zuständigen. Habe die Stelle, geht demnächst los. Arbeitsvertrag? Gibt es nicht.
05.10.
Die erste Übungsstunde, ich betreue sechs Studenten. Die Arbeit gefällt mir, Erfahrung in der Lehre ist immer gut.
02.11.
Schon einige Wochen Arbeit liegen hinter mir. Der Zuständige teilt ein Formular aus, “Non-Staff Personal Details Form” (persönliche Angaben von Nicht-Angestellten). Hat so schöne Felder wie “National Insurance Number” (nationale Versicherungsnummer). Trage nichtsahnend meine Krankenversicherungsnummer von Nordirland ein, die ich mir am Anfang meines Aufenthalts besorgt hatte. Au weia! Ich muss ein Konto eröffnen, die Verwaltung kann meinen Lohn nicht nach Deutschland überweisen. Fülle außerdem eine “Tax Declaration” (Steuerangaben) aus, habe aber keinen Schimmer, was das alles bedeutet. Suche noch am Abend nach Bankkonditionen. Nein, ich will mich nicht durch hundert Seiten starke AGBs wühlen. Und auf den Standardsatz “Terms and Conditions apply” (Bedingungen werden angewandt) habe ich auch keine Lust mehr. Entscheide mich für eine Bank, die ein Konto für internationale Studenten anbietet.
03.11.
Gehe zur Filiale der Bank. Habe alle möglichen Unterlagen dabei und erkläre mein Anliegen. Nette Dame führt Smalltalk mit mir, habe aber den Verdacht, dass sie das eigentlich nicht interessiert. Bekäme auch Zinsen, wenn ich pro Monat 50 £ einzahlte. Mache ich aber nicht. Möchte eigentlich gerne meinen Lohn auf mein Konto in Deutschland überweisen. Kein Problem, kostet auch bloß 25 £ pro Transaktion. Dann doch lieber eine Debitkarte. Ach ja, 5 £ Kontoführungsgebühren pro Monat, weil das nicht mein Hauptkonto sei und überhaupt. Unterschreibe einen Vertrag, von dem ich keine Kopie erhalte. Dafür aber einige Broschüren, die ausführen, dass die Bank sehr transparent mit den Gebühren sei.

Wieder zu Hause, finde ich weder die Passage mit den Zinsen noch mit den Kontoführungsgebühren. Erwarte gespannt die zahlreichen Briefe, die mich in nächster Zeit beglücken werden.

04.11.
Gebe stolz mein ausgefülltes Formular in der Verwaltung ab. Habe mir die Kontodetails sogar extra von der netten Dame ausfüllen lassen, damit das auch ja alles ordentlich ist. Was ich bei “Branch Name” und “Branch” eintragen muss, wusste ich schließlich nicht.
08.11.
Erhalte einen auf 04.11. datierten PIN-Brief. Entweder ist die Post sehr langsam oder das Absenderdatum falsch.
08.11.
Erhalte eine E-Mail von der Universität:

Thank you for recently submitting your Non-Staff Personal Details Form (NSP2) to us.

However you have not provided us with a UK National Insurance Number and we are required by HMRC to obtain one for all individuals who we pay for work done. The number you have given on your NSP form is not a valid UK National Insurance Number.

Freie Übersetzung: Du Idiot hast die falsche Nummer eingetragen. Kann passieren, war halt doch nicht die Krankenversicherungsnummer gefragt. Weiterlesen:

If you do not currently have a UK National Insurance Number you will need to obtain one from the Social Security Office. You will need to phone them first to (028) 90545500 and make an appointment to see them. Their address is Conor Building, 107/111 Great Victoria Street, Belfast, BT2 7AG. Once you have been issued with a National Insurance Number by them you will need to give it to us so that any National Insurance contributions deducted from payments we might make to you can be credited to your account.

Ich muss die extra beantragen? Dafür brauche ich einen Termin? Nun gut, Telefonnummer angerufen, mich leicht unsicher durch die Sachbearbeiter gehangelt. Persönliche Details durchgegeben. Habe am 18.11. einen Termin, um 11:15, der nächste freie, wurde mir versichert. Habe eigentlich Vorlesungen um die Zeit, aber man muss eben Prioritäten setzen. Außerdem würde ich noch einen Brief bekommen, was ich alles noch an Unterlagen mitbringen soll.

Zweiter Akt

10.11.
Ui, ein offizieller Brief, zumindest steht “On Her Majesty’s Service” (Im Dienste Ihrer Majestät) auf dem Umschlag. Absender ist die “Social Security Agency”, das “Department for Employment and Learning” und/oder das “Shaftesbury Square Jobs & Benefits Office”. Ob das jetzt eine Behörde ist oder nur eine Unterabteilung oder wasauchimmer, ist mir nicht ganz klar. Der Briefbogen sieht auch aus wie mit einem populären Textverarbeitungsprogramm ohne Rücksicht auf einheitliche Schriftarten erstellt. Aber es gibt ja auch keinen Schönheitspreis.

Also, mein Interview ist am Donnerstag um 11:15. Beigefügt ist eine Liste von wichtigen Dokumenten, die ich mitbringen muss:

  • gültiger Reisepass — lässt sich machen

  • “National Identity Card” — eine Art britischer Personalausweis. Sowas hab ich doch wieder nicht. Ich nehme einfach meinen Personalausweis mit und hoffe dass es niemandem auffällt.

  • “Letter from Employer/Contract of Employment” — einen Nachweis, dass ich arbeite, habe ich nicht, und einen Arbeitsvertrag schon gar nicht

  • Lohnabrechnung — Wie soll ich bitte eine Lohnabrechnung vorweisen, um meine Nummer zu kriegen, wenn ich ohne Nummer keinen Lohn bekomme?

  • Mietvertrag oder Bescheinigung vom Vermieter — ich habe so etwas ähnliches, aber ob das reicht, ist ungewiss. Die Bank hat es akzeptiert, aber bei Behörden weiß man ja nie

  • Bankkarte oder Kontoauszug — vorhanden

  • Nebenkostenabrechnung oder Adressnachweis — Reicht der Mietvertrag denn nicht aus?

  • frühere Adressen in UK — nicht vorhanden

  • Reisedokumente (E-Ticket, Bordpässe) — nur gut, dass ich das aufgehoben habe

  • eine kleine Ziege zum Opfern — würde auch gut in diese Liste passen

Alles klar, Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder brauchen etwas länger. Habe noch einige Tage Zeit.

11.11.
Schreibe dem Zuständigen eine E-Mail, dass ich so einen Wisch brauche, dass ich auch tatsächlich arbeite und nicht nur rumlungere.
12.11.
Gehe zur Wohnheimsrezeption und möchte den anderen Wisch. Fülle ein Formular aus und werde gebeten, am Montag wieder zu kommen.
15.11.
Tag der Höchstleistungen! Sammle die angefragten Dokumente ein. Mein Zuständiger hatte sich auf die E-Mail nicht gemeldet, also bin ich persönlich vorstellig geworden. Nach kurzer Überlegung, in welcher Orientierung das Briefpapier in den Drucker eingeführt werden möge, gehe ich mit Unterschrift Nr. 1 von dannen. Sofort eine Kopie machen, könnte noch nützlich sein. Hole auch den Zettel vom Wohnheim ab, den sie unter Außerachtlassung meines Kopierbedürfnisses in einen Umschlag gesteckt und diesen verschlossen haben. Öffne und kopiere trotzdem, so.

Dritter Akt

17.11.
Welch Service: Um 09:30 ruft jemand bei mir an und gibt mir nochmal die benötigten Dokumente und den Termin durch. Ob ich alles hätte und den Termin bestätigen könne. “Jawoll!”, antworte ich, “Ich habe alle Dokumente eingeholt, und heute besorge ich die Opferziege.” (nicht wörtlich, natürlich).
18.11.
Dann mal los. Bin rechtzeitig auf dem Amt und bekomme eine Nummer zugeteilt, muss aber dank Termin nur fünf Minuten warten. Für das Interview bin ich optimal vorbereitet und habe alle angeforderten Dokumente zur Hand. Die werden auch klaglos akzeptiert. Das Prozedere: Ausfüllen eines Formulars mit Angaben zu meiner Person und zu meinen Eltern sowie meinen Reisedaten nach UK. Derweil kopierte die Beamtin (oder britisches Äquivalent davon) meinen Personalausweis, einige Seiten meines Reisepasses, meine Studentenkarte und meinen Führerschein; jede Seite auf ein extra Blatt Papier. Jedes dieser Blätter musste dann von mir, ihr und einem zweiten Beamten (der am Ende nochmal separat alles mit mir durchging, offenbar üblich in UK) unterschrieben werden. Grotesk wurde es aber erst dann, als ich gefragt wurde, wie ich denn von München (Wohnort) nach Frankfurt (Abflugort) gekommen sei. Die Frage nach der Relevanz dieser Auskunft habe ich mir dann doch verkniffen, was es aber nicht weniger schleierhaft macht. Nach ca. 40 Minuten Gespräch hatte ich dann noch ein mehrseitiges Formular zu prüfen und zu unterschreiben. Darunter befand sich auch eine ganze Seite mit von der Beamten angelegten Notizen über mich in der Sektion “everything that could be relevant for your application” (alles, was für den Antrag relevant sein könnte). Wenigstens wurden nicht so stupide Fragen wie bei der Einreise in die USA gestellt (“Planen Sie, einem Staatsbürger ein Kind zu entziehen? War Ihr Großvater ein Nazi? Haben Sie jemals versucht, zur Beschleunigung von bürokratischen Akten dem zuständigen Beamten eine Ziege als Opfer zu bringen?”). Glücklicherweise war das Personal sehr freundlich und auch bereit, einem Nicht-Muttersprachler etwas zweimal zu erklären.

Damit ist der zweite Teil erfolgreich abgeschlossen. In vier Wochen dürfte ich dann so eine Nummer haben und das große1 Geld verdienen.

Wie gut, dass durch die EU solche Vorgänge einfacher geworden sind. Als EU-Bürger brauche ich nämlich keine Arbeitsgenehmigung. Stellt euch jetzt mal vor, ich hätte als Marokkaner oder Usbeke so eine Nummer gebraucht. Nicht auszudenken, sowas.

27.11.
Angesichts der prognostizierten vier Wochen Wartezeit könnt ihr euch mein Erstaunen sicher vorstellen, als gestern ein Schreiben mit meiner Versicherungsnummer im Briefkasten lag. Fein, dachte ich mir, dann die Nummer gleich mal der Universität geben. Gerade, als ich eine E-Mail beginnen wollte, fiel mir wieder ein, dass das ja schriftlich gemacht werden müsste. Also ab zur Verwaltung der Uni und eine Kopie einreichen.

Allerdings ist damit der Fall immer noch nicht erledigt. Als ich nämlich am Montag von Newcastle wiedergekommen bin, fand ich einen Brief vom “Electoral Office for Northern Ireland” (könnte so etwas wie ein Wahlbüro sein) vor. Erster Gedanke: Wahlbüro? Wen soll ich den wählen? Inhalt: Ich sei gesetzlich dazu verpflichtet, mich als Wähler zu registrieren, auch wenn ich gar nicht wählen will (bzw. nicht zum Wählen komme, weil ich nicht lang genug hier bin).

Ich habe dann mal bei einigen anderen (internationalen) Studenten nachgefragt; offenbar haben so etwas nur wenige bekommen; hat also wahrscheinlich mit meiner Arbeitstätigkeit zu tun.

Also gut, sogleich das Formular ausfüllen und weg damit. Wäre da nicht das Kleingedruckte: “I have lived in Northern Ireland for the last three months”. Noch mal zum Mitschreiben für alle Behörden hier: Ich bin nicht einmal fünf Monate hier! Soll ich mich am 15. Dezember, wenn meine Einreise drei Monate her ist, für nicht stattfindende Wahlen in den nächsten sechs Wochen registrieren? Die können mich doch alle mal.


  1. Ja! Ich werde reich sein! Zusammengerechnet bestimmt 250 £ Lohn. 


Abschied

Nach Hause?

17.12.
Gestern gab es dann doch mal etwas mehr Schnee (immer noch nicht viel, aber mehr als die letzten paar Wochen) und die Iren geraten voll in Panik. Im Pub wurden wir vor Mitternacht rausgeschmissen und ein Taxi haben wir auch nur mit viel Glück auf der Straße anhalten können. Heute wurden denn auch alle Flüge ab City Airport abgesagt, weil der Räumdienst vom seltsamen weißen Zeugs völlig überfordert war. Der Wetterbericht für morgen sagt Nebel an, mal sehen ob das mit dem Heimflug etwas wird. Drückt mir die Daumen.
18.12.
Mein Flug wurde abgesagt. Ich hänge jetzt für mindestens einen weiteren Tag fest. Der nächste Versuch wird morgen um 13:00 gestartet, mit planmäßiger Ankunft in München um 22:55.
19.12.
Der schlimmste Fall ist eingetreten: Mein bereits verschobener Flug wurde heute auch abgesagt, da diesmal zwar nicht der Belfast City Airport, wohl aber London Heathrow geschlossen ist. Damit ich aber morgen hier nicht mehr herumsitze, habe ich kurzerhand (vorerst auf eigene Kappe, da andere Fluggesellschaft) einen neuen (Direkt-)Flug von Dublin nach München gebucht. Die Flughafenbetreiber in der Republik Irland scheinen nämlich nicht sofort verängstigt zu sein, wenn ihnen eine Schneeflocke begegnet. Nach Dublin komme ich mit dem Bus, dazwischen sind drei Stunden Puffer wegen Verspätung eingeplant. Ob mein dritter Anlauf gelingen wird?
20.12.
In Dublin hat nun alles geklappt und ich bin (mit etwas Verspätung) gut in München angekommen. Am Montag steht dann die letzte Etappe mit dem Zug an. Da ich natürlich Zugbindung hatte, war mein ursprüngliches Ticket wertlos und ich durfte ein hübsches Sümmchen für ein neues bezahlen.

Endspurt im Januar

Seit Samstag weile ich nun wieder in Belfast – im Gegensatz zu meiner letzten Flugreise hat die vorgestrige aber prima geklappt. Die Erstattung des stornierten Fluges war problemlos, aber mit einer Entschädigung oder Übernahme der Mehrkosten brauche ich nicht zu rechnen, denn bei höherer Gewalt gelten die Fluggastrechte nicht (oder zumindest nicht in vollem Umfang).

Der Tanzkurs Jive & Swing hatte schon im Dezember aufgehört, so dass im Januar nur zwei universitäre Aktivitäten auf dem Plan stehen: Prüfungen am 14. und 19. Januar, für die ich natürlich, ihr kennt mich, unermüdlich lernen werde.

Schließlich muss ich noch mein Konto schließen, mal sehen, was mir da wieder für Steine in den Weg gelegt werden. Insgesamt habe ich 20 Stunden gearbeitet, ein netter Nebenverdienst, den ich zur Hälfte sofort wieder in Bücher investiert hab (obwohl ich hier kaum zum Lesen komme – keine 1,5 Stunden Bahnfahren pro Tag machen halt doch etwas aus).

Ende Januar, kurz vor meiner endgültigen Abreise, wird gleich zweimal Besuch anrücken: Der werte Herr H. kommt von Durham und gleich danach besuchen mich meine Eltern. Am 24. Januar muss ich mein Zimmer räumen; der Rückflug geht am 26. Januar. Mein 6. Semester wird dann Mitte April in München wieder beginnen. Im Februar und März habe ich daher voraussichtlich Freizeit – mal sehen, was sich da finden wird.


Quellennachweis